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Im Interview: Stefan Berner

  • Autorenbild: Nina Albrecht
    Nina Albrecht
  • 6. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Stimmen aus der Branche


„Um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen, muss Nachhaltigkeit in jedem Bauprojekt zum Standard werden.“


Stefan Berner, CEO von Gartenmann Engineering
Stefan Berner, CEO von Gartenmann Engineering

Für Stefan Berner, CEO von Gartenmann Engineering und Teil des Materius Verwaltungsrats, sind digitale Tools und verlässliche Produktdaten unverzichtbar, um Netto-Null bis 2050 zu erreichen. Deshalb investiert sein Unternehmen in Materius – ein starkes Signal für Transparenz, Wettbewerb und Innovation in der Branche.



Herr Berner, wie muss sich die Schweizer Baubranche in den nächsten Jahren verändern, damit die Klimaziele im Gebäudesektor – Netto-Null bis 2050 – realistisch erreicht werden können?

Die Frage ist besonders interessant, weil sie die Branche selbst adressiert und nicht nur die politischen Rahmenbedingungen. Natürlich werden diese häufig diskutiert, aber die Baubranche muss in ihrer ganzen Breite mehr Verantwortung übernehmen. Aus meiner Sicht braucht es eine klare Selbstverpflichtung der Branche zu den Netto-Null- Zielen. Aktuell beobachten wir teilweise eine Rückkehr zu einem starken Renditefokus. Umso wichtiger ist es, dass Nachhaltigkeitsziele von Projekten verbindlich definiert werden, und zwar gemeinsam von Bauherrschaften, Investoren und Planenden. Wenn die Branche diese Verantwortung selbst übernimmt, bleibt mehr Gestaltungsfreiheit. Andernfalls wird die Politik mit klaren Vorgaben reagieren müssen, die erfahrungsgemäss den Handlungsspielraum für Innovationen und neue Ansätze einschränken.


Sie sprechen von mehr Selbstverpflichtung der Branche. Wie lässt sich diese konkret umsetzen?

Wir sehen heute viele Leuchtturmprojekte, die medial stark präsent und wichtig sind. Aber sie machen noch nicht die notwendige Breite aus.

Für Netto-Null als Branchenziel braucht es die Masse. Nachhaltigkeit muss in jedem Bauprojekt zum Standard werden.

Derzeit sind noch zu viele Bauvorhaben primär bzw. alleinig finanziell definiert.


Wo sehen Sie aktuell die grössten Hebel für mehr Nachhaltigkeit im Bauprozess? Und welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und künstliche Intelligenz?

Der grösste Hebel liegt klar bei den Finanzierenden. Ein weiterer zentraler Hebel ist der Umgang mit Daten. Digitalisierung ermöglicht es uns, komplexe Berechnungen durchzuführen, Szenarien zu modellieren und fundierte Entscheidungen zu treffen. Wenn wir heute sauber dokumentieren, welche Materialien verbaut werden, haben wir auch in zehn oder zwanzig Jahren verlässliche Daten. Künstliche Intelligenz hilft uns, grosse Datenmengen auszuwerten und schneller zu lernen, besonders wenn Planung, Ausführung und Betrieb verknüpft sind. So erkennen wir, was tatsächlich wirkt und wo Annahmen falsch waren.


Wie bewerten Sie den Hebel von Bauprodukten und Materialien?

Das hängt von der Betrachtung ab. Manchmal dominiert der Energieverbrauch im Betrieb – die graue Energie der Erstellung erscheint dann vergleichsweise gering. Trotzdem ist die saubere Gegenüberstellung wichtig.

Entscheidend ist: Wir müssen wissen, welche Produkte tatsächlich eingesetzt wurden, woher sie stammen und welche Eigenschaften sie haben und nicht nur mit Annahmen arbeiten. Gerade auf die Gesamtmenge der in der Schweiz verbauten Produkte betrachtet, ist die Relevanz der Materialwahl sehr hoch.

Eine digitale, datenbasierte Überprüfung direkt bei der Anlieferung auf der Baustelle ermöglicht es, Abweichungen sofort zu erkennen und zu dokumentieren. Das verhindert, dass nicht konforme Materialien verbaut werden – ein Risiko, das heute noch viel zu häufig unterschätzt wird und später zu kostspieligen Korrekturen oder Zertifizierungsproblemen führt.


Mit der zunehmenden Zertifizierung von Bauprojekten durch Labels stellt sich oft die Frage der passenden Produktwahl. Welche Schwierigkeiten treten dabei auf?

Labels erfordern sehr konkrete Vorgaben. Die Auswahl geeigneter Produkte wirkt oft eingeschränkt, weil nicht transparent ist, welche Optionen verfügbar sind, und Planende zusätzlich unter Zeitdruck stehen. Ein aktueller Überblick über verfügbare Produkte mit belastbaren Daten ist im Planungsprozess entscheidend. Das erhöht nicht nur die Planungssicherheit, sondern motiviert auch Hersteller, bessere Produkte auf den Markt zu bringen. Mehr Produktoptionen bedeuten breitere Ausschreibungen, mehr Wettbewerb - und das wirkt sich positiv auf Preise und Qualität aus. Davon profitieren alle: Planende, Bauherrschaften und der gesamte Markt.


Gartenmann Engineering hat in Materius investiert. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

Als Engineering-Unternehmen sind wir mitten in der Branche. Wir wollen die Digitalisierung aktiv mitgestalten. Viele Herausforderungen lassen sich nicht allein bewältigen. Für unsere Berechnungen und Beratungen brauchen wir belastbare, aktuelle Produktdaten.

Materius schliesst genau diese Lücke, indem es umfassende und verlässliche Produktdaten zur Verfügung stellt. Wir sind überzeugt: Das ist die Lösung, die die Branche braucht. Deshalb haben wir investiert.

Es geht also um Transparenz?

Genau. Transparenz darüber, welche Produkte es gibt, was sie enthalten und wie sie eingesetzt werden. Diese Transparenz muss auch auf der Baustelle selbst ankommen: Mit einer digitalisierten, datenbasierten Materialprüfung bei der Anlieferung wird sichergestellt, dass das, was geplant und ausgeschrieben wurde, auch tatsächlich verbaut wird. Das ist die logische Konsequenz aus dem Anspruch an Qualität und Nachhaltigkeit.

Heute recherchieren Architektinnen, Planer und Ingenieure oft parallel, aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine gemeinsame, belastbare Datenbasis schafft Effizienz, Konsistenz und Qualität.

In dieser Form gibt es in der Schweiz bislang keine vergleichbare Lösung. Neben Gartenmann Engineering ist auch EBP Schweiz in Materius investiert. In der Schweiz sind Sie teilweise Wettbewerber.


Welches Signal senden Sie mit dieser gemeinsamen Investition an die Branche?

Es gibt Themen, die lassen sich nicht allein lösen. Wir investieren gemeinsam in etwas, das nicht unser Kerngeschäft ist, aber für die gesamte Branche von Bedeutung ist. Verlässliche Datengrundlagen führen zu besseren Beratungen, besseren Berechnungen und letztlich zu besseren Gebäuden. Wir verstehen dieses Engagement nicht als Konkurrenzthema. Unser Investment ist dann erfolgreich, wenn die gesamte Branche davon profitiert und die Lösung breit angenommen wird.




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