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Im Interview: Erich Bürgi

  • Autorenbild: Nina Albrecht
    Nina Albrecht
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Stimmen aus der Branche


Das Netto-Null-Ziel bis 2050 ist ambitioniert, aber machbar – sofern wir es schaffen, alte Denkmuster zu durchbrechen. Um den Hebel im Gebäudesektor effektiv zu nutzen, braucht es eine fundamentale Transformation bei den politischen Rahmenbedingungen und bei uns Herstellern selbst.


Erich Bürgi – Geschäftsleiter Paul Bauder AG (Schweiz)
Erich Bürgi – Geschäftsleiter Paul Bauder AG (Schweiz)


Herr Bürgi, geopolitische Spannungen, die globale Energiekrise und volatile Lieferketten haben die Bauwirtschaft in den letzten Jahren stark geprägt. Welche. Auswirkungen erleben Sie aktuell konkret auf die Schweizer Baubranche – und was bedeutet das für Sie als Hersteller von Dachsystemen und Dämmstoffen?


Die geopolitischen Spannungen und die daraus resultierenden Krisen der letzten Jahre haben uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie fragil die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge sind. Was als isolierte Krise in einer Region beginnt, führt blitzartig zu Störungen in globalen Lieferketten.

Für uns als Hersteller von Dachsystemen hat sich die Ausgangslage drastisch verändert: Wir erleben eine starke Abhängigkeit bei essenziellen Rohstoffen. Die direkten Folgen dieser instabilen Lage prägen unseren Alltag an der Front: unvorhersehbare Materialknappheit, stark verlängerte Lieferfristen und massive Preiserhöhungen, die wir entlang der Wertschöpfungskette abfedern oder weitergeben müssen.

Für die Schweizer Baubranche bedeutet das vor allem einen Verlust an Planungssicherheit und einen enormen Margendruck. Um auf diese Volatilität zu reagieren, haben wir unsere Beschaffungslogistik grundlegend umgestellt. Statt auf Single-Sourcing setzen wir konsequent auf eine Mehrlieferantenstrategie, um Klumpenrisiken zu minimieren. Zudem diversifizieren wir gezielt bei Materialarten und Rohstoffen. Das bedeutet, dass wir vermehrt alternative Komponenten prüfen, Rezepturen flexibilisieren und regionale Kreisläufe stärken.

Nur durch diese strategische Agilität können wir die Lieferfähigkeit für unsere Kunden in der Schweiz auch in stürmischen Zeiten garantieren.


Die Schweiz hat sich Netto-Null bis 2050 zum Ziel gesetzt – im Gebäudesektor mit besonders grossem Hebel. Wie muss sich die Baubranche aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren verändern, damit dieses Klimaziel realistisch erreicht werden kann – und welche Rolle nehmen Hersteller dabei ein?


Das Netto-Null-Ziel bis 2050 ist ambitioniert, aber machbar – sofern wir es schaffen, alte Denkmuster zu durchbrechen. Um den Hebel im Gebäudesektor effektiv zu nutzen, braucht es eine fundamentale Transformation bei den politischen Rahmenbedingungen und bei uns Herstellern selbst.

Unsere heutigen Bauvorschriften und Normen sind oft zu starr und bremsen Innovationen aus. Hier ist auf regulatorischer Ebene ein radikales Umdenken gefordert. Wir benötigen dringend mehr Flexibilität in den Bewilligungsverfahren – sei es bei Farben, Formen oder Dimensionen von Bauteilen –, um klimaoptimierte Architektur überhaupt flächendeckend zu ermöglichen.


Gleichzeitig muss die Branche klar definieren, was Nachhaltigkeit konkret bedeutet, und die entsprechenden Messmethoden standardisieren. Ohne Transparenz bleibt Nachhaltigkeit ein dehnbarer Begriff. Als Hersteller sehen wir uns in der Pflicht, eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Für uns bedeutet das: Wir trimmen die Produktion konsequent auf Energieeffizienz, treiben den Ausstieg aus fossilen Energieträgern voran und denken Produkte von Grund auf in Kreisläufen. Die Materialien eines Dachsystems dürfen am Ende ihres Lebenszyklus kein Abfall sein. Wir entwickeln unsere Systeme heute so, dass sie vollständig rückbau- und wiederverwertbar sind. Wenn Politik, Planer und Hersteller Hand in Hand arbeiten, wird Netto-Null bis 2050 Realität.


Wie hat Bauder das eigene Produktangebot in den letzten Jahren mit Blick auf Nachhaltigkeit konkret weiterentwickelt – und welche Entwicklungsschritte stehen bei Ihnen als Nächstes an?


Nachhaltigkeit ist für uns kein vager Marketingbegriff, sondern das Ergebnis von messbaren Fakten. In den letzten Jahren haben wir unser Produktangebot strategisch und konsequent auf dieses Ziel ausgerichtet. Der erste Schritt war die Schaffung einer soliden Datenbasis:


Wir haben in allen unseren Produktionswerken modernste Messinstrumente installiert. Denn Prozesse gezielt optimieren kann nur, wer verlässliche Angaben über Verbräuche und Emissionen hat. Auf dieser Basis optimieren wir kontinuierlich unsere Rohstoffe. Wir setzen auf klimafreundlichere Flammschutzmittel, integrieren nachwachsende Rohstoffe sowie Recycling-Komponenten und verkleinern so Schritt für Schritt den ökologischen Fussabdruck unseres Sortiments.


Bauder Produkte
Bauder Produkte

Ein Meilenstein dieser Entwicklung ist unsere Dämmstofflinie BauderECO. Die nächsten grossen Schritte sind bereits in vollem Gang und fokussieren sich auf die echte Kreislaufwirtschaft – etwa durch neuartige Abdichtungsbahnen, die von Beginn an für ein zweites Produktleben konzipiert sind. Bei jeder Innovation gilt für uns das Credo: Was dicht bleibt und lange dämmt, ist wirklich nachhaltig.

Ein Dachsystem, das über Jahrzehnte hinweg absolut zuverlässig funktioniert, schützt die Bausubstanz optimal, verhindert vorzeitige Sanierungen und schont damit langfristig die wertvollsten Ressourcen überhaupt – Energie und Material.


Was macht es Planenden, Bauherrschaften und ausführenden Unternehmern heute besonders schwer, nachhaltige Bauprodukte konsequent einzusetzen?


Die Bereitschaft für nachhaltiges Bauen ist im Markt enorm hoch. Wenn die Umsetzung in der Praxis dennoch ins Stocken gerät, liegt das primär an der mangelnden Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsnachweisen. Die aktuelle Label Vielfalt ist unüberschaubar. Für Planende, Bauherrschaften und Unternehmer ist es zeitintensiv, diese Daten objektiv nebeneinanderzulegen. Zudem darf die Lebensdauer und Systemsicherheit bei der Ökobilanzierung nicht ausgeblendet werden. Ein theoretisch perfekt bilanziertes Produkt, das nach 15 Jahren ersetzt werden muss, ist ökologisch und ökonomisch weitaus schlechter als eine hochwertige Systemkomponente, die eine Lebensdauer von 40 Jahren ausweist. Heute sehen wir leider oft Baustoffe mit hervorragenden Öko-Labels, die sich aufgrund ihrer Empfindlichkeit unter realen Witterungsbedingungen auf der Baustelle kaum sicher verarbeiten lassen. Echte Nachhaltigkeit bedeutet für uns: ökologisch produziert, langlebig in der Praxis und absolut baustellentauglich.



Bauder hat sich entschieden, eine Partnerschaft mit Materius einzugehen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen – und welchen konkreten Nutzen versprechen Sie sich davon?


Die Partnerschaft mit Materius ist die logische Antwort auf diese Marktherausforderungen. Wir wollen nicht nur über die Hürden beim nachhaltigen Bauen sprechen, sondern aktiv digitale Werkzeuge bereitstellen, die diese Barrieren abbauen.

Von dieser Zusammenarbeit versprechen wir uns drei wesentliche Impulse für den Schweizer Markt:


1. Echte Vergleichbarkeit und Transparenz: Materius bringt Licht in den Label- Dschungel. Die Plattform bündelt Informationen so, dass alle Akteure unterschiedliche Baustoffe unkompliziert und auf rein faktenbasierter Ebene miteinander vergleichen können.

2. Das richtige Produkt am richtigen Ort: Ein Dämm- oder Abdichtungssystem ist dann am nachhaltigsten, wenn es für den spezifischen Anwendungsfall optimiert ist. Durch die fundierte Datenbasis stellen wir sicher, dass Architekten und Planer exakt die Bauprodukte auswählen, die technisch und ökologisch die beste Performance für ihr spezifisches Projekt liefern.


3. Fokus auf Materialökologie statt Bürokratie: Ein Bauprodukt lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren – Inhaltsstoffe, Herkunft, Verarbeitung und Rückbau gehören zusammen. Materius macht diese Ebenen sichtbar und nebeneinander lesbar. Wir lenken den Fokus weg von reiner Bürokratie hin zu einer ganzheitlichen, pragmatischen Betrachtung der tatsächlichen Materialökologie


Kurz gesagt: Mit dieser Partnerschaft machen wir Nachhaltigkeit in der Schweizer Bauwirtschaft messbar, transparent und im Planungsalltag unkompliziert

 
 
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